Forschungswerkstatt Tiefenhermeneutik

Wir sind eine überregionale Gruppe von Forscher_innen aus unterschiedlichen (inter)disziplinären und institutionellen Zusammenhängen, die auf den Forschungsfeldern der Soziologie, der Erziehungswissenschaften, der Geschichte, der Philosophie, der Psychologie, der Kulturwissenschaften, der Sozialpsychologie, der Gender Studies und der Politikwissenschaften arbeiten. Die einzelnen Mitglieder lehren an Hochschulen in Bielefeld, Bochum, Bremen, Frankfurt a. M., Wien und Zürich, an psychoanalytischen Ausbildungsinstituten, in der Erwachsenenbildung; sie sind im therapeutisch-klinischen Bereich tätig, arbeiten an erinnerungspolitischen Projekten oder in sonstigen gesellschafts- und wissenschaftspolitischen Zusammenhängen.

Inhaltlich verbindet uns ein vielgestaltiges Interesse an Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. In der Tradition von Marx und Freud gehen wir davon aus, dass das Verstehen sozialer und individueller Konflikte für das Verständnis einer Gesellschaft und ihrer Subjekte von besonderer Bedeutung ist. Denn einerseits spiegeln sich in sozialen Welten die Machtstrukturen von Klassengesellschaften, in denen die wirtschaftlich und politisch Mächtigen ihre Überzeugungen als Ideologien durchsetzen, um in der Öffentlichkeit vor der Mehrheit der Bevölkerung herrschende Verhältnisse zu rechtfertigen. Andererseits kollidieren die Wünsche und Triebregungen der Subjekte mit der kulturellen Moral einer Gesellschaft und mit deren sozialen Regeln. Die Folge ist, dass die Subjekte ihre Wünsche und Affekte nur teilweise in das symbolische Interagieren mit anderen Menschen übersetzen können. Die Wünsche und Affekte, die sich aufgrund ihrer Unvereinbarkeit mit der herrschenden Moral als sozial anstößig erweisen, werden dagegen verdrängt und abgespalten. Was aber derart unbewusst gemacht wird, drängt unter dem Druck der unterdrückten Affekte und Triebkräfte in Fehlleistungen und Träumen, in Impulsdurchbrüchen und neurotischen Symptombildungen, aber auch in irrationalen Massenbewegungen, schließlich in Kunst und Literatur zu Bewusstsein. Daher richtet sich unser Forschungsinteresse darauf, im jeweiligen Forschungsfeld sowohl das Gelingen als auch das Scheitern von Individuations- und Sozialisationsprozessen zu rekonstruieren. Dabei untersuchen wir, wie die Subjekte durch die herrschenden Verhältnisse unterdrückt, dem eigenen Denken und Fühlen entfremdet, und unter Systemzwängen so funktionalisiert werden, dass sie Wünsche eines wahren Selbst gar nicht mehr wahrnehmen und fühlen, sondern in den ihnen zugewiesenen  Rollen eines falschen Selbst aufgehen. Zugleich  untersuchen wir, wie die Subjekte sich den herrschenden Verhältnissen entziehen und widersetzen – indem sie sich in eine psychische oder psychosomatische Erkrankung flüchten und daher nur noch auf eine symptomatische Weise agieren; indem sie unterdrückte Wünsche und Lebensentwürfe in ein sprachsymbolisches Interagieren mit Anderen einbringen und den Kampf gegen soziale und politische Missstände aufnehmen, oder sozial anstößige Lebensentwürfe auf eine sinnlich-symbolische Weise durch Literatur oder Kunst darstellen.

Die methodologische Basis für unsere Forschungsprojekte bilden die Konzepte Alfred Lorenzers, mit deren Hilfe sich die Konstrukte der Psychoanalyse sozialisationstheoretisch so reformulieren lassen, dass die in einer naturwissenschaftlichen Sprache verfassten Freudschen Begriffe ihres Ballastes entledigt werden, der immer wieder biologistische Missverständnisse, sexistische Fehlschlüsse und falsche familiarisiende und ontologisierende Verallgemeinerungen erzeugt. Lorenzer fällt das Verdienst zu, im Rahmen einer an das Konzept von George H. Mead anknüpfenden Interaktionstheorie die Konzepte des Triebes, des Unbewussten und des Bewusstseins, aber auch den Symbolbegriff so rekonstruiert zu haben, dass die individuelle Konstruktion und die gesellschaftliche Hergestelltheit dieser Elemente einer psychoanalytischen Theorie der Subjektivität fassbar wird.
Die methodische Grundlage unseres Forschens bildet die von Lorenzer entwickelte Tiefenhermeneutik, eine psychoanalytische Verfahrensweise, mit der sich die Fehler einer naiven Anwendung der Psychoanalyse auf Gesellschaft, Kultur und Politik vermeiden lassen, die immer wieder zu einer Psychologisierung und Pathologisierung sozialer und kultureller Phänomene führt. Die Tiefenhermeneutik bedient sich der von Freud in der psychotherapeutischen Praxis entwickelten Methode des szenischen Verstehens, modifiziert diese Verfahrensweise aber den Erfordernissen des sozialwissenschaftlichen Forschungsfeldes entsprechend, um zu zuverlässigen und plausiblen Interpretationen sozialpsychologisch fassbarer Phänomene der sozialen Welt zu gelangen. Wie die Tiefenhermeneutik in eine entsprechende Forschungspraxis umzusetzen ist, illustrieren die von Hans-Dieter König in verschiedenen Texten ausformulierten Regeln der psychoanalytischen Rekonstruktion sozialer und kultureller Phänomene.
Unsere Forschungswerkstatt stellt ein Netzwerk dar, in dem wir als Forscherinnen und Forscher die Folgen sozialer und politischer Herrschaftsverhältnisse für die sich an sie anpassenden und sich ihnen zugleich widersetzenden Subjekte reflektieren, um auf der Grundlage dieser Problemlage des unauflösbaren Widerspruchs von Individuum und Gesellschaft die anstehenden Forschungsprojekte konkret in Angriff zu nehmen. Das heißt, dass wir auf der Grundlage einer methodologischen Klärung der jeweiligen Forschungsarbeit, im Zuge derer deren theoretische Grundlagen reflektiert werden, das jeweilige Forschungsprojekt so designen, dass konkret fassbar wird, wie die Daten erhoben werden und wie sie mit Hilfe der Methode der Tiefenhermeneutik ausgewertet werden.

Gegründet haben wir die Forschungswerkstatt im Jahr 2007 im Rahmen der Teilnahme an der AG Tiefenhermeneutik, die von Hans-Dieter König im Rahmen des an der Otto-von-Guericke-Universität alljährlich in Magdeburg veranstalteten Methodenworkshops geleitet wurde. Seitdem treffen wir uns dreimal jährlich in unterschiedlichen Städten, wobei eines der Treffen weiterhin auf dem Methodenworkshop in Magdeburg stattfindet, an dem junge Forscher_innen neue Methoden kennenlernen können.
Seither arbeiten wir in der Forschungswerkstatt kontinuierlich mit Materialien aus unseren verschiedenen Qualifikationsschriften (von der Studienabschlussarbeit über die Promotion bis zur Habiliation), aber auch mit Daten aus kleineren Forschungsprojekten. Unsere bisherigen Themen umfassten die Gefühlserbschaften des Nationalsozialismus in Deutschland und in der Schweiz, die Effekte von klassenspezifischen, oft rassistisch geprägten Ausschließungsprozessen in Bildungsinstitutionen oder am Arbeitsmarkt, die Entstehung kindlicher Sexualität im Kontext intergenerationeller Dynamiken oder die stigmatisierenden Dynamiken im Umgang mit klinisch auffällig gewordenen Menschen. Das auszuwertende Datenmaterial reichte von transkribierten Interviews und Gruppendiskussionen über Protokolle teilnehmender Beobachtung bis zu Propagandamaterialien oder ästhetischen Inszenierungen in Werbung, Kunst und Literatur.
Wie wir exemplarisch ausgewähltes Datenmaterial aus unseren qualitativ-interpretativen Forschungsprojekten gemeinsam interpretieren und unsere Forschungsprozesse gegenseitig begleiten, so stellen wir uns im Zuge der Reflexion unserer gemeinsamen Arbeit der Herausforderung, welche die unterschiedlichen Fragestellungen und die verschiedenen Materialsorten an die Methode und die Methodologie stellen, an  deren Weiterentwicklung und Differenzierung wir im Rahmen unseres Forschungszusammenhanges kontinuierlich arbeiten.

Kennenlernen können uns interessierte Forscherinnen und Forscher nicht nur über diese Website, sondern auch beim Magdeburger Methodenworkshop, den jeweils Mitglieder unserer Gruppe leiten und an dem wir auch als Gruppe teilnehmen. Darüber hinaus bieten wir auf Einladung Workshops an, helfen und begleiten Forscherinnen und Forscher bei der Gründung einer eigenen tiefenhermeneutischen Forschungsgruppe. [Hier geht es zu den Workshops]