Szenisches Verstehen

Mit dem szenischen Verstehen bezeichnet Alfred Lorenzer (1970) zunächst die in der therapeutischen Psychoanalyse entwickelte Methode eines tiefenhermeneutischen Interpretierens der Erzählungen der Patientin oder des Patienten, deren latenter Sinn über die Wirkung ihrer Worte auf das Unbewusste des Analytikers erschlossen wird. In der von Lorenzer (1986) auf dem Forschungsfeld der Kulturanalyse konstruierten Methode der tiefenhermeneutischen Kulturanalyse, die er anhand von Literaturinterpretationen entwickelt hat, bezieht sich das szenische Verstehen auf dreierlei:

(1) Es wird angenommen, dass der Text eine Lebenspraxis objektiviert, deren Bedeutung sich in der Spannung zwischen einem manifesten und einem latenten Sinn entfaltet. Der manifeste Sinn der durch den Text produzierten Lebenspraxis wird durch die dem Bewusstsein verfügbaren Lebensentwürfe bestimmt, über die sich die Akteure durch ein sprachsymbolisches Interagieren verständigen. Im Zuge der symbolischen Verständigung über Bedürfnisse, Erwartungen und Regeln werden jedoch Wünsche, Ängste und Phantasien unterdrückt, die unvereinbar sind mit den in dieser Lebenspraxis in Anspruch genommenen Moralvorstellungen. Die sich als sozial anstößig erweisenden Lebensentwürfe widersetzen sich der bewussten Selbstkontrolle der Akteure, indem sie sich hinter dem Rücken des Bewusstseins verhaltenswirksam durchsetzen. Was nicht bewusst intendiert wird, inszeniert sich auf einer nonverbalen Bedeutungsebene des im Text entfalteten Lebensdramas, das sich enträtseln lässt, wenn man den szenischen Gehalt dieses Interaktionsgefüges erfasst.

(2) Da die auf eine latente Bedeutungsebene dieser Lebenspraxis verbannten Lebensentwürfe aus der sprachlichen Selbstverfügung der Akteure ausgeschlossen sind, lassen sie sich nur dadurch erschließen, dass Forscherin und Forscher das Interaktionsgefüge der im Text arrangierten Lebenspraxis in seiner sinnlich-bildhaften Gestalt erfassen und es auf das eigene Erleben wirken lassen. Dabei lassen sich Forscherin und Forscher von ihren Assoziationen und Irritationen leiten. Die von Lorenzer (1990, S. 267)) so bezeichneten Irritationen (vgl. König 1996, S. 353 f.) stellen affektive Reaktionen auf die Inkonsistenzen, Ungereimtheiten und Brüche des im Text entfalteten Interagierens dar, Schlüsselszenen, die den hinter dem manifesten Sinn verborgenen latenten Sinn erschließen.

(3) Das Erfassen der auf eine latente Bedeutungsebene verbannten Lebensentwürfe wird dadurch erleichtert, dass die Forschenden den verborgenen Sinn der im Text objektivierten Lebenspraxis in einer Gruppe von Interpreten (vgl. König 1993, S. 206-212) rekonstruieren, in der man über eigene emotionale Reaktionen und sich daraus ergebende Lesarten so lange diskutiert, bis sich aus den verschiedenen Verstehenszugängen eine nachvollziehbare und plausible Deutung des Textes konstruieren lässt. Was sich als ein sich szenisch im Text entfaltendes Lebensdrama bezeichnen lässt (1), reproduziert sich aufgrund der Wirkung dieser Lebenspraxis auf das eigene Erleben sowohl in der Interaktion der Forschenden mit dem Text (2) als auch zwischen den Forschenden, in deren Gruppendiskussionen (3) Szenen Gestalt annehmen, von denen her sich die Szenen der im Text objektivierten Lebenspraxis und die ihnen zugrunde liegende szenische Struktur rekonstruieren lässt (vgl. König 2001, 177-188).

Hans-Dieter König

Literaturverzeichnis
König, H. D. (1993): Die Methode der tiefenhermeneutischen Kultursoziologie. In: T. Jung, S. Müller-Doohm (Hg.): „Wirklichkeit“ im Deutungsprozeß. Verstehen und Methoden in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Frankfurt a. M. (Suhrkamp), 190-222.
König, H. D. (1996): Methodologie und Methode der tiefenhermeneutischen Kultursoziologie in der Perspektive von Adornos Verständnis kritischer Sozialforschung. In: H. D. König (Hg.): Neue Versuche, Becketts Endspiel zu verstehen. Sozialwissenschaftliches Interpretieren nach Adorno. Frankfurt a. M. (Suhrkamp), 314-387.
König, H. D. (2001): Tiefenhermeneutik als Methode psychoanalytischer Kulturforschung. In: H. Appelsmeyer, E. Billmann-Mahecha (Hg.): Kulturwissenschaft. Köln (Velbrück).
Lorenzer, A. (1970): Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Lorenzer, A. (1986): Tiefenhermeneutische Kulturanalyse. In: H. D. König, Lorenzer, A. et. al., Kultur-Analysen. Psychoanalytische Studien zur Kultur, Frankfurt a. M. (Fischer), 11-98.
Lorenzer, A. (1990): Verführung zur Selbstpreisgabe – psychoanalytisch-tiefenhermeneutische Analyse des Gedichtes von Rudolf Alexander Schröder. In: Kulturanalysen, 2. Jg., Frankfurt a. M., 261-277.